Jüdisches Leben auf dem Lande – Juden im Hunsrück

Ausstellung
3. November 2019 – 19. April 2020

Ausstellungseröffnung
3. November 2019, 11:15 Uhr, Saal

Gustav Jakob Forst, „Landwirt und Viehhändler aus Kastellaun, steht am Ende einer langen Periode segensreichen jüdischen Lebens auf dem Lande. Sie dauerte in der Hunsrückregion vom 11. Jh. bis zur Zeit des Nationalsozialismus.

Fast alle jüdischen Familien im Hunsrück lebten von der Landwirtschaft, meist als Vieh- oder Pferdehändler. Textil- und Schuhhändler, Wirtsleute, Metzger und Bäcker waren weitere bevorzugte Berufszweige – auch aus religiösen Gründen.

Um 1800 lebten etwa 90% der Juden im deutschsprachigen Raum auf dem Lande: zwischen Rhein, Mosel, Nahe und Saar gab es Dörfer mit einem über 20%-igen jüdischen Bevölkerungsanteil. Sie versuchten so gut es ging, ihre religiösen Traditionen aufrecht zu erhalten, aber sich auch vorsichtig Reformen zu öffnen.

Die zahlreichen jüdischen Friedhöfe und einige wenige erhaltene Synagogen oder Mikwen künden heute noch von der besonderen und wichtigen Lebensweise der Juden unserer Region. Sie waren in die agrarischen Wirtschaftsstrukturen des Hunsrücks integriert, blieben jedoch in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft ständigen Anfeindungen ausgesetzt – bis 1919 waren sie „Bürger zweiter Klasse“.

AntiJudaismus, rassischer Antisemitismus und die alles kombinierende menschenverachtende Nazi-Ideologie bereiteten dann dem jüdischen Leben auf dem Lande ab 1933 ein schreckliches Ende. Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus entstand eine Mauer des Verschweigens, Verdrängens und Vergessens, die bisweilen bis heute Bestand hat.

Vereinzelte Lokalhistoriker und Privatinitiativen beschäftigten sich mit den einstigen Nachbarn und Freunden, einige hielten mit Überlebenden Kontakt. Die Synagogen waren weitgehend zerstört, nur wenige sakrale und private Gegenstände hatten die Barbarei der Reichspogromnacht überstanden, Arisierungen und die Ausplünderungen jüdischen Eigentums beschäftigten Betroffene und Gerichte bis weit in die 1960er Jahre hinein. Gerade auf dem Lande verlängerten sich damit Ressentiments und Vorurteile.

Diese Ausstellung möchte den jüdischen Familien ein Denkmal setzen, die über Generationen auf dem Lande lebten und trotz aller Widrigkeiten aktiv die Gesellschaft mit gestalteten. Sie ist in drei Bereiche gegliedert:

  1. Juden auf dem Lande: Historische Hintergründe
  2. Die Ausübung der Religion
  3. Das Leben mit einem Trauma

Die Forderung des Lehrers Moses Eppstein aus Kirchberg aus dem „langen Schlafe zu erwachen“ verdeutlicht nur eine der Konfliktebenen, unter denen jüdisches Leben stattfand. Die Ausstellung versucht den vielen Aspekten jüdischer Existenz auch künstlerisch gerecht zu werden — als Teil einer lebendigen Erinnerungs- und Gedenkkultur, vor allem auch zur Warnung und Mahnung für Gegenwart und Zukunft.


Begleitprogramm

Sonntag, 3. November 2019, 11:15 Uhr, Schloss Simmern/Hunsrück-Museum
Ausstellungseröffnung und Eröffnungsvortrag: Das Landjudentum
Prof. Dr. Stephan Laux (Universität Trier)


November 2019
Jüdische Wochen im Pro-Winzkino
Siehe gesondertes Programm [»]


Samstag, 9. November 2019, 17:00 Uhr, Schlossplatz Simmern
Gedenkfeier zur Reichspogromnacht
Musikalische Umrahmung: Irith Gabriely
(Arbeitskreis Christlicher Kirchen/Stadt Simmern)
Anschließend Fortführung der Feier im Schloss


Sonntag, 5. Januar 2020, 17:00 Uhr, Schloss Simmern/Hunsrück-Museum
Vortrag: Jüdisches Leben auf dem Lande – Das Beispiel Gemünden
Dr. Stephanie Schlesier (Berlin, BStU)


Samstag, 1. Februar 2020, 19:00 Uhr, Schloss Simmern/Hunsrück-Museum
Lesung mit Musik. Die Dichterinnen und Dichter des Lyrikpfades Laufersweiler
Mit Maria Finnemann, Inge Kölle, Margit Kuhnle, Maria Jekeli-Halstein (Cello), Karl-Gerhard Halstein (Klavier)


22. bis 29. März 2020
„Jewish Hunsrück Reunion“
Treffen von Nachkommen Hunsrücker Juden aus aller Welt


Dienstag, 24. März 2020, 19:00 Uhr, Pro-Winzkino Simmern
Simmerner Stadtgespräch: Was ist Antisemitismus?
Mit Dr. Meron Mendel (Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt)


Donnerstag, 26. März 2020, 19:00 Uhr, Schloss Simmern/Hunsrück Museum
Vortrag: Die Auswirkungen des Holocaust auf die Nachkommen der Täter und Opfer
Dr. Marie-Luise Conen (Berlin)


Mittwoch, 1. April 2020, 10:00 Uhr, Schloss Simmern/ Hunsrück Museum
Erstes Treffen zur Gründung einer Koordinationsstelle für jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz


Sonntag, 19. April 2020, 11:15 Uhr, Schloss Simmern/Hunsrück Museum
Schlussbetrachtungen